Stopp. Bevor du weiterliest – mach jetzt diesen kurzen Test: Atme ganz normal, ohne etwas zu verändern, und zähle 60 Sekunden lang deine Atemzüge. Notiere die Zahl.
Fertig? Gut. Dann lies weiter.
Die Atemfrequenz (Respiration Rate (RR)) – also die Anzahl deiner Atemzüge pro Minute – ist eines der am stärksten unterschätzten Vitalzeichen überhaupt. Dabei verrät sie mehr über deinen Gesundheitszustand, deine Stressbelastung und deine körperliche Effizienz als viele Menschen vermuten. Denn eine dauerhaft zu hohe Atemfrequenz kostet dich Energie, Fokus und Regenerationsvermögen – ohne dass du es merkst.
In diesem Artikel erfährst du, warum so viele Menschen zu viel und zu schnell atmen, was dabei in deinem Körper physiologisch passiert und welche drei einfachen ersten Schritte du sofort umsetzen kannst, um die Atemfrequenz zu reduzieren.
Selbsttest-Auswertung – deine Atemzüge pro Minute:
Unter 10 Atemzüge/min = Sehr gut: dein Körper arbeitet effizient
10–14 Atemzüge/min = Gut: leichtes Optimierungspotenzial vorhanden
15–20 Atemzüge/min = Grenzbereich: Aufmerksamkeit empfohlen
Über 20 Atemzüge/min = Handlungsbedarf: dein Körper ist unter dauerhaftem Stress
Diese Werte beziehen sich auf eine gute und funktionale Atmung, denn auch eine niedrige Atemfrequenz, bei gleichzeitiger starker Atmung, kann Dysfunktionen verursachen.
Was ist die Atemfrequenz – und was gilt als normal?
1. Entspannung fördern
Die Atemfrequenz beschreibt, wie viele Atemzüge du pro Minute und in Ruhe tätigst. Schulmedizinisch gelten 12 bis 20 Atemzüge in Ruhe als Normalbereich für Erwachsene. Allerdings bedeutet das nicht automatisch, dass 20 Atemzüge gesund sind. Es bedeutet lediglich, dass sie häufig vorkommen.
Tatsächlich zeigen immer mehr Studien auf, dass eine funktionale Ruheatmung eher bei 6 bis 10 Atemzügen pro Minute liegt. Wer dauerhaft am oberen Rand des Normalbereichs atmet, betreibt damit eine Art chronische Überatmung. Auch wenn diese subtil und kaum spürbar ist.
Der entscheidende Punkt: Deine Atemfrequenz ist kein statischer Wert. Sie verändert sich durch Gewohnheiten, Stress, Sitzverhalten, Lebensstil und körperlicher Belastung, und lässt sich gezielt trainieren. Mehr dazu, was eine funktionale Atmung ausmacht, findest du in dem Artikel → Funktionale Atmung – Verbesserte Leistungsfähigkeit und Regeneration.
Warum atmest du zu viel? Die häufigsten Auslöser
Die Ursachen für eine zu hohe Atemfrequenz sind vielfältig. Meistens wirken mehrere Faktoren gleichzeitig – und verstärken sich dabei gegenseitig.
- Chronischer Stress: Wenn das Nervensystem dauerhaft im Sympathikus-Modus bleibt, bleibt auch die Atmung erhöht. Dein Körper reagiert auf Stress mit schnellerem Atmen – selbst dann, wenn kein akuter Auslöser mehr vorhanden ist.
- Sitzende Lebensweise: Wer viele Stunden täglich sitzt, atmet häufig flach und schnell. Dabei bewegt sich vor allem die Brust, statt das Zwerchfell vollständig einzusetzen. Die Range of Motion wird durch das Sitzen und der oft damit verbundenen "eingefallenen Sitzhaltung" eingeschränkt. (Mehr zur Range of Motion und dem Einfluss der Atemeffizienz liest du hier)
- Mundatmung: Durch den Mund lässt sich leichter zu viel Luft aufnehmen. Deshalb ist die Mundatmung oft der erste Schritt in Richtung Überatmung. Mehr dazu erklärt der Artikel Mund- oder Nasenatmung? Die richtige Wahl.
- Gewohnheit und CO2-Toleranz: Wer einmal begonnen hat, schnell zu atmen, senkt damit seine CO2-Toleranz und die Empfindlichkeit der Chemorezeptoren für CO2 nimmt ab. Dadurch entsteht ein Teufelskreis: Je niedriger die Toleranz, desto häufiger meldet das Gehirn einen Atemreiz und desto schneller wird geatmet.
- Koffein, Alkohol und Schlafmangel: Alle drei erhöhen die sympathische Aktivität und damit auch die Atemfrequenz, oft noch Stunden nach dem Konsum.
Was passiert im Körper, wenn die Atemfrequenz zu hoch ist?
Hier liegt das entscheidende Missverständnis: Viele glauben, mehr atmen bedeute mehr Sauerstoff. Das Gegenteil ist richtig.
Wenn du zu schnell atmest, atmest du zu viel Kohlendioxid (CO2) ab. Dadurch sinkt der CO2-Spiegel in deinem Blut – und das hat direkte Konsequenzen für die Sauerstoffversorgung deiner Zellen: Der sogenannte Bohr-Effekt tritt in Kraft. Das bedeutet, Hämoglobin hält Sauerstoff fester gebunden und gibt ihn schlechter ans Gewebe ab. Dein Gehirn und deine Muskeln erhalten also weniger Sauerstoff – obwohl deine Lungen gut gefüllt sind.
Mehr atmen ≠ mehr Sauerstoff. CO2 ist der Schlüssel, der Sauerstoff freisetzt und wer zu viel atmet, verliert genau diesen Schlüssel.
Außerdem verengen sich deine Blutgefäße, wenn der CO2-Spiegel sinkt. Dadurch fällt die Durchblutung unter anderem im Gehirn. Das Resultat ist ein Zustand, den viele kennen, aber selten mit ihrer Atmung in Verbindung bringen:
Gedankennebel, Konzentrationsprobleme, nachmittägliche Energieeinbrüche und innere Unruhe.
Im Sport zeigt sich die Auswirkung besonders deutlich: Wer dauerhaft zu schnell atmet, überschreitet früher die anaerobe Schwelle, ermüdet schneller und regeneriert langsamer.
Wie effizient deine Atmung aktuell ist, kannst du übrigens mit dem BOLT-Score (Body Oxygen Level Test) objektiv messen. Er liefert dir einen konkreten Ausgangswert, bevor du mit dem Training beginnst.
Was ist die optimale Atemfrequenz (in Ruhe)?
Das Ziel ist keine fixe Zahl, sondern ein Bereich, in dem dein Körper effizient arbeitet. In Ruhe liegt die funktionale Atemfrequenz bei ca. 6 bis 10 Atemzügen pro Minute. Damit lässt sich eine kohärente Herzratenvariabilität (HRV) unterstützen, das parasympathische Nervensystem aktivieren und die CO2-Toleranz langfristig aufbauen.
Beim Sport ist die Atemfrequenz naturgemäß höher. Entscheidend ist dabei, dass du so lange wie möglich ausschließlich durch die Nase atmest. Sobald du den Mund öffnen musst, signalisiert dein Körper, dass die Intensität deine aktuellen Atemfähigkeiten übersteigt. Um weiterhin voll Leistungsfähig zu bleiben (physisch wie auch kognitiv) ist es empfehlenswert, zwischen den Sätzen oder in kurzen Pausen, mit der Atmung die Herzfrequenz zu stabilisieren, um das Atemmuster zu verändern und wieder die Kontrolle zu übernehmen. Genau hier setzt funktionales Atemtraining an.
Denk daran: Die Verbesserung deiner Atemfrequenz ist kein Sprint. Deshalb ist es wichtig, deinen Ausgangswert zu kennen – und ihn regelmäßig zu messen.
3 erste Schritte, um deine Atemfrequenz zu senken
Du musst nicht sofort alles ändern. Diese drei Schritte sind einfach, sofort umsetzbar – und bereits wirksam, wenn du sie konsequent anwendest.
Schritt 1: Atme konsequent durch die Nase
Das ist der einfachste und zugleich wirkungsvollste erste Schritt. Nasenatmung verlangsamt den Atemfluss automatisch, fördert die CO2-Toleranz und aktiviert das Zwerchfell stärker als Mundatmung. Beginne damit, tagsüber bewusst auf Nasenatmung zu achten. Mache bewusste Pausen im Alltag und überprüfe dich selbst, wie du gerade atmest. Komme in die Nasenatmung zurück. Beim Gehen, Arbeiten und Sport. Anfangs kann das ungewohnt sein. Außerdem kann es beim Sport bedeuten, dass du das Tempo zunächst reduzieren musst. Das ist jedoch kein Rückschritt, sondern ein Zeichen, dass dein Körper lernt, effizienter zu arbeiten.
Schritt 2: Die 3-Minuten-Morgen-Atemroutine
Nimm dir jeden Morgen drei Minuten Zeit – am besten direkt nach dem Aufwachen. Atme durch die Nase ein: langsam für 5 Sekunden. Dann atme aus: ebenfalls 5 Sekunden. Gleichmäßig, ohne Kraftaufwand, kohärent. Wiederhole das zehnmal. Diese einfache Übung trainiert dein Nervensystem, eine niedrigere Atemfrequenz als Ausgangsbasis zu nutzen. Deshalb wirkt sie sich langfristig auch auf deine Tagesatmung positiv aus.
Schritt 3: Den BOLT-Score als Orientierungswert messen
Der BOLT-Score (Body Oxygen Level Test) macht deine CO2-Toleranz messbar. Ein niedriger Score (unter 20 Sekunden) zeigt an, dass dein Körper bereits auf geringe CO2-Mengen reagiert und u.a. dadurch schnell atmet. Wiederhole den Test täglich und baue über den Tag hinweg immer wieder kurze und bewusste Atempausen auf leerer Lunge ein. So siehst du schwarz auf weiß, ob sich deine Atemeffizienz verbessert. Darüber hinaus motiviert ein messbarer Fortschritt erfahrungsgemäß deutlich stärker als eine abstrakte Empfehlung.
Fazit: Weniger atmen – mehr Leistung, mehr Klarheit
Deine Atemfrequenz ist ein stiller Taktgeber für Energie, Fokus und Erholung und die meisten Menschen nehmen ihn nie wahr. Dabei reichen oft kleine Veränderungen, um spürbare Unterschiede zu erzeugen: mehr mentale Klarheit, stabilere Energie über den Tag, schnellere Regeneration nach dem Sport.
Fang deshalb heute an: Zähle noch einmal deine Atemzüge und vergleiche das Ergebnis mit dem Wert vom Anfang des Artikels. Du wirst wahrscheinlich überrascht sein, wie sehr das bewusste Lesen und die kurzen Atemübungen dazwischen bereits etwas verändert haben.
Wenn du tiefer einsteigen möchtest, bietet der funktionale Breathwork Guide für Beginner einen strukturierten Einstieg in die funktionale Atemarbeit nach der Oxygen Advantage Methode. Und wer individuelle Unterstützung sucht, kann sich gerne für ein kostenfreies und unverbindliches Erstgespräch zum 1:1 Atemtraining melden.


